Donnerstag, 5. Juni 2008

"Hilfe, mein Kind wird erwachsen!"

Ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten wird dies mal ein Beitrag ohne Fotos!
Heute Abend hatte ich nämlich ein Erlebnis, dass mich... nein, nicht glücklich gemacht hat. Es bewirkt, dass ich in Zukunft einfach besser schlafen kann, dass ich der Zukunft viel entspannter und gelassener entgegen sehen kann.

Man merkt es mir vielleicht nicht unbedingt an, aber auch ich mache mir Gedanken um die Zukunft meiner Kinder. Besonders natürlich um Marina, meiner 8-jährigen Tochter mit Down Syndrom. Wann, wo und vor allem wie wird sie mal leben, wenn sie erwachsen ist, wenn wir Eltern nicht mehr für sie sorgen können oder wollen, wenn Marina (und das wird sie bestimmt irgendwann) den Wunsch äußert aus ihrem Elternhaus auszuziehen?

Unsere sehr engagierte und gute Stammschule für geistige Behinderung (wobei ich, und übrigens u.a. auch der Rektor, weder das Wort "geistige" noch das Wort "Behinderung" für angemessen halten. "Behinderung" reduziert den Menschen auf eine seiner Eigenschaften. Marina ist ein Mädchen, blond, blauäugig, eigensinnig, liebevoll, kurzsichtig, resolut,....und auch behindert. Aber das ist eben nur eine von ihren vielen Eigenschaften. Natürlich ist sie behindert, aber nicht ihr Geist [psst, danke Petra für dieses schöne Zitat], da ist meiner wesentlich mehr beeinträchtigt . Leider gibt unsere deutsche Sprache aber keinen treffenderen Begriff her. Vielleicht trifft ein wenig das Wort zu, dass ich heute im Vortrag gehört habe: verhaltenskreativ :-)))! Aber ich schweife vom Thema ab.) hat für heute Abend nämlich zwei Referenten der Caritas eingeladen, die einen Vortrag zum im Titel genannten Thema abhielten. Der Untertitel wurde da schon deutlicher "Chancen selbständiger Lebensführung und Wohnens trotz Einschränkung". Nun, es war dann eigentlich kein Vortrag, sondern eine äußerst interessante und informative Diskussion mit den vielleicht leider nur 20 Müttern und Vätern, die aber umso interessierter waren.
Ich möchte jetzt nicht auf alles einzeln eingehen, nur so viel: Frau L. und Herr R. stellten die einzelnen Wohnformen vor, sei es die stationäre Heimbetreuung, die ambulante Betreuung, das persönliche Budget (dies wurde nur kurz angerissen, da dieses Thema zu komplex ist und ein extra Vortrag benötigen würde) und all die Übergangs- und Zwischenformen und erläuterten das Prozedere, wie z.B. was wo beantragt wird.

Ich hoffe ja, dass noch mindestens gute 10 Jahre ins Land gehen werden, bevor diesesThema bei uns aktuell wird. Insofern sind die Details noch nicht so wahnsinnig interessant für uns. Aber ich bin bin einem unheimlich guten Gefühl heim gegangen. Egel welche Wohnform es einmal wird, ich habe keine Angst mehr, vor keiner einzigen. Und ich weiß nun konkret, sie wird nie alleine gelassen.

Kommentare:

Wapiti hat gesagt…

Ich kenne noch den Begriff "seelenpflegedürftig". Und eben "Heilpädagogik", worauf sich das ja auf die Pädagogik und nicht aufs Kind bezieht ;-)
Als ich Kind war, war mein Vater Geschäftsführer des baden-württembergischen Landesverbandes für geistig Behinderte. Er hat mich zwei Mal auf eine Freizeit mitgenommen und bei unserern Radtouren haben wir immer Station bei den verschiedenen Einrichtungen gemacht. Als Kind empfand ich den Begriff "geistig behindert" überhaupt nicht als wertend. Natürlich weiß ich nicht, wie es den Kindern selbst und vor allem den Eltern damit geht. Und "Behindi" ist ja leider ein gängies Schimpfwort unter Jugendlichen geworden. Ich flipp jedesmal aus, wenn ich das höre.
Jedenfalls freut es mich sehr, dass Du für Marina so positiv in die Zukunft schauen kannst *gnuddels*

Liebe Grüßle,
Wapiti

Ulli hat gesagt…

Hallo Wapiti,

auch diese Begriffe sind eigentlich unpassend. Marina ist nicht heilbar, insofern triffte es Heilpädagogik nicht. Und seelepflegebedürftig (wird in der Antroposophie verwendet) trifft es schon gar nicht. Marina (und ich kann da ja nur für sie sprechen) ist sicher pflegebedürftig (wahrscheinlich auch in hohem Maße), aber nicht ihre Seele. Es gibt wohl keine Menschen die eine reinere und natürlichere Seele haben wie Marina (und wie die meisten anderen Menschen mit Down Syndrom).
Das ist jetzt alles keineswegs wertend gemeint, es ist wirklich schwierig, da ein passendes Wort zu finden. Ich bin ja schon froh, wenn ich das böse M-Wort nicht zu hören bekomme.

LG Ulli

christine kunz hat gesagt…

Ich frage mich immer wieder wer entscheidet was normal und was nunnormal ist.

Wenn Jens mich auf deine unnachahmliche Weise begrüßt, habe ich viel eher das Empfinden, dass wir sogenannten "Normalos" jede Menge in Bezug auf Menschlichkeit/Herzlichkeit lernen können! Ich vergass ganz zu erwähnen, Jens der Sohn meiner Freundin wurde ebenfalls mit Downsyndrom geboren. Eine sehr bemerkenswerte und hochmusikalische kleine Persönlichkeit

christine kunz hat gesagt…

Ich frage mich immer wieder wer entscheidet was normal und was nunnormal ist.

Wenn Jens mich auf deine unnachahmliche Weise begrüßt, habe ich viel eher das Empfinden, dass wir sogenannten "Normalos" jede Menge in Bezug auf Menschlichkeit/Herzlichkeit lernen können! Ich vergass ganz zu erwähnen, Jens der Sohn meiner Freundin wurde ebenfalls mit Downsyndrom geboren. Eine sehr bemerkenswerte und hochmusikalische kleine Persönlichkeit

Anonym hat gesagt…

Ich frage mich immer wieder wer entscheidet was normal und was nunnormal ist.

Wenn Jens mich auf deine unnachahmliche Weise begrüßt, habe ich viel eher das Empfinden, dass wir sogenannten "Normalos" jede Menge in Bezug auf Menschlichkeit/Herzlichkeit lernen können! Ich vergass ganz zu erwähnen, Jens der Sohn meiner Freundin wurde ebenfalls mit Downsyndrom geboren. Eine sehr bemerkenswerte und hochmusikalische kleine Persönlichkeit

Andrea hat gesagt…

Liebe Ulli,
dein eintrag hat mich sehr berührt... mein kleiner (er ist grösser wie ich) "downy" neffe wird jetz 18 und ist auch ein ganz besonderer sonnenschein. wir haben keine angst um seine zukunft. er wird seinen weg machen!!!! wie deine Marina auch. liebe grüsse und schönes wochenende. ciao Andrea

Anonym hat gesagt…

Liebe Ulli,

als Normalbehinderte und in der Branche Tätige möchte ich Dir sagen: Mach Dir nicht zu viel Sorgen über die Zukunft. Marina wird ihren Weg ganz sicher gehen und aufgehoben sein. Glücklicherweise sind die Menschen weitaus aufgeschlossener als in früheren Jahren und da gab es wie wir wissen sehr schlimme Zeiten.

In der Sozialbranche werden zum Glück heute Behinderte nicht mehr als "Objekte" denen man Hilfe angedeihen ließ, sondern vielmehr als "Subjekte" der Hilfe wahrgenommen. Es tut sich was. Über das persönliche Budget würde ich mich gerne persönlich mit Dir unterhalten.

Ich denke, es ist wichtig hinzuschauen. Hinschauen, was Marina gut tut und gefällt. Und vielleicht irgendwann auch sie freizulassen in einen geschützten Lebensbereich. Und da gibt es ganz gute Wohn- und Lebensformen!

Liebe Grüße und bis bald
Martina

Susi Knitchicks hat gesagt…

Wer entscheidet denn, was normal ist, oder nicht? Ich finde, dass gerade Down-Kinder eine derartige Herzlichkeit und Offenheit haben.
Marina geht ihren Weg, da bin ich mir sicher.

socksstreet hat gesagt…

na ich glaub Dir sofort, dass für Dich da ein Stein vom Herzen gefallen ist. Hinter den Kindern stehen auch die Eltern, ob nun mit oder ohne "besonderen" Merkmalen. Und so schön wie es ja ist, Kinder zu haben, manchmal denke auch ich schon, wie gut dass sie größer werden und irgendwann ihr Leben in die eigene Hand nehmen können.

Und diese ganze Sache mit den Begrifflichkeiten, da ist leider viel zu viel Unwissenheit unter den Menschen und ich bin froh, dass wir einen Professor hatten, der uns angehenden "Heilpädogogen" ganz ordentlich sensibel gemacht hat, dass ein Mensch aus vielen Facetten besteht. So wie Du es schreibst....

Deine neuen Färbungen sehen toll aus und ich bin froh, bei Dir hier nun auch immer öfter diese selbstgemachten Schmatzfotos zu sehen!

Dir einen ganz lieben Gruß
Ute

Tanja hat gesagt…

Liebe Ulli,

das ist mal eine gute Gelegenheit, Dir für Dein Blog zu danken!

Ich komme zwar auch wegen der Socken und Färbereien hierher, aber die persönlichen Inhalte berühren mich eigentlich noch mehr.

In diesem Sinne "Weiter so!" (und das gilt gleichzeitig auch für Deine beiden Kinder).

Liebe Grüße!
Tanja

PS: Was ist schon normal... auch Migräne kann eine ordentliche Behinderung sein ;-)